Wenn der 600er-Glasfaser-Anschluss sich wie 300 anfühlt: eine Detektivgeschichte mit dem UniFi UCG Ultra – Einfach erklärt
Vier Stunden Fehlersuche. Dutzende Tests. Am Ende war eine einzige Einstellung schuld.
Worum geht es?
Unser Glasfaser-Anschluss ist auf 600 Mbit/s im Download ausgelegt, schnell genug, um in wenigen Sekunden einen ganzen Film herunterzuladen. Nur: Der Speedtest zeigte konsistent ungefähr 300. Exakt die Hälfte.
Und „exakt die Hälfte“ ist in der Netzwerktechnik ein Muster, kein Zufall.
Die Frage war: Wer klaut die andere Hälfte?
Die Verdächtigenliste
Was folgte, war systematisches Ausschließen. Wie in einem Krimi, nur mit weniger Dramatik und mehr Kabeln.
Die Kabel: Alle in Ordnung. Rausgesteckt, getauscht, einen Zwischenverteiler komplett entfernt: keine Veränderung.
Der Internetanbieter: Erst sah es so aus, als läge es an ihm: Ein Speedtest zeigte nur 435 Mbit. Aber der lief gegen einen schlecht angebundenen Server weit weg. Gegen einen Server praktisch um die Ecke: plötzlich 598 Mbit. Wichtige Erkenntnis: nie nur einen einzigen Testserver nehmen, bevor man anfängt, Hardware zu tauschen.
Die Glasfaser-Box an der Wand: Das ist der kleine Kasten, an dem das Glasfaserkabel von draußen endet, ein sogenannter ONT (Optical Network Terminal). Er übersetzt das Lichtsignal aus der Faser in ein elektrisches Signal fürs Netzwerkkabel. Um ihn als Verdächtigen auszuschließen, habe ich den Router komplett vom Strom getrennt und einen Laptop direkt an der Box angeschlossen. Der Laptop hat sich dann selbst beim Anbieter eingewählt, quasi als Ersatz-Router, nur ohne die ganzen Einstellungen.
Ergebnis: volle 598 Mbit.
Das war der entscheidende Moment. Ab hier wusste ich: Der Anschluss liefert, was er soll. Das Problem sitzt irgendwo in meinem eigenen Netzwerk.
Sicherheitsfunktionen im Router: Ein Honeypot (eine Art Falle für Hacker-Angriffe) deaktiviert: ein kleines bisschen schneller. Diverse andere Schutzfunktionen waren ohnehin aus. Brachte alles nicht die fehlende Hälfte zurück.
Der Laptop-Direkttest
Den Laptop direkt an der Glasfaser-Box einzuwählen war der wichtigste einzelne Schritt. Unter Linux geht das mit Bordmitteln: Man legt ein virtuelles Netzwerk-Etikett an (der Anbieter erwartet ein bestimmtes, damit er weiß, dass die Anfrage zu einem Glasfaser-Anschluss gehört), hinterlegt die Zugangsdaten vom Kundenportal und startet die Einwahl.
Ein Stolperstein dabei: Die alte Sitzung des Routers muss erst beim Anbieter auslaufen, sonst wird der Laptop ignoriert. Also Router vom Strom, Glasfaser-Box kurz aus, ein paar Minuten warten, und erst dann den Laptop starten.
Das klingt umständlich, dauert in der Praxis aber zehn Minuten. Danach weiß man sicher, ob der Anbieter liefert, was er soll.
Der Täter: eine harmlos aussehende Priorisierungs-Regel
Nachdem alle naheliegenden Verdächtigen entlastet waren, lag der Übeltäter unscheinbar ganz oben in den Router-Einstellungen: eine Regel namens „Critical Apps Prioritization“. Sie sollte bestimmte Programme bevorzugt behandeln: Microsoft Teams, Zoom und ein paar andere. Die Idee: Videokonferenzen bekommen Vorfahrt, damit sie nicht ruckeln.
Die Regel war irgendwann mal angelegt worden, „weil schaden kann es nicht“.
Was sie aber tatsächlich tat: Um zu erkennen, ob ein Datenpaket zu Teams oder Zoom gehört, musste der Router jedes einzelne Paket öffnen und hineinschauen. Das nennt sich DPI — Deep Packet Inspection.
Stell dir ein Paketverteilzentrum vor. Normalerweise liest ein Mitarbeiter das Etikett auf dem Karton und schickt ihn weiter. Schnell, effizient. Jetzt kommt eine neue Vorschrift: Bei fünf bestimmten Absendern soll er den Karton aufschneiden, den Inhalt prüfen und wieder verschließen. Klingt machbar — aber der Mitarbeiter kann die fünf Absender nicht am Etikett erkennen. Also muss er jedes Paket aufschneiden, um zu schauen, ob es eines der fünf ist.
Bei ein paar hundert Paketen am Tag geht das. Bei Millionen pro Minute nicht.
Der Prozessor im Router (solide, aber kein Kraftpaket) ging schlicht in die Knie. Er konnte nicht schnell genug inspizieren. Das Ergebnis: exakt die Hälfte der bezahlten Geschwindigkeit kam durch.
Der Fix
Eine Einstellung deaktiviert, ein neuer Speedtest: 647 Mbit Download, sogar leicht über dem, was der Anbieter verspricht.
Vier Stunden Suche, und am Ende war es eine Checkbox.
Was ich daraus gelernt habe
Harmlose Schalter können teuer sein. Eine Regel, die „nur priorisiert“ und „nichts blockiert“, kann trotzdem die halbe Geschwindigkeit kosten, wenn sie dafür jedes Datenpaket aufschneiden muss.
Der Speedtest im Router selbst zeigt nicht die ganze Wahrheit. Der eingebaute Geschwindigkeitstest des Routers misst die eigene Anbindung ans Internet, geht aber nicht durch die Prüf-Pipeline, durch die alle anderen Geräte im Haus müssen. Er zeigte fast volle Geschwindigkeit, während der Laptop nur die Hälfte bekam.
Immer mehrere Testserver nutzen. Ein einzelner schlecht angebundener Server hätte mich fast dazu gebracht, meine Hardware zu tauschen — für ein Problem, das gar keines war.
Direkt an der Glasfaser-Box testen ist Gold wert. Sobald man vermutet, dass der eigene Router das Problem ist, kann man einen Laptop direkt an der Box an der Wand anschließen. Zehn Minuten Aufwand, aber danach ist die wichtigste Frage geklärt: Liegt es am Anbieter oder an mir?